Testberichte

Das Amazon Kindle Fire HD 7 · Kleines Tablet für kleines Geld, aber…

DSC08683

Seit ges­tern ist das Amazon Kindle Fire HD 7 of­fi­ziell in Deutsch­land er­hält­lich und sollte bei den meisten Vor­be­stel­lern schon an­ge­kommen sein. Auch bei mir kam ges­tern ein schwarzes Paket von Amazon an – wurde di­rekt mal mit der Ori­gi­nal­ver­pa­ckung ver­schickt. Muss nicht sein, aber gut. Ich habe mir das Ta­blet mal ein wenig an­ge­schaut und bin doch zu einem recht schnellen Fazit gelangt…

Die Äu­ßere Erscheinung

So­fort einmal aus­ge­packt und … nichts neues: Plas­tik­bomber. Die ge­samte Rück­seite be­steht aus einem sachte gum­mierten Plas­tik­cover, wel­ches von einem schwarzem Balken ge­teilt wird – wo sich üb­ri­gens auch die Laut­spre­cher befinden.

Von der Größe her sehr an­ge­nehm, lässt sich – wie auch das Nexus 7 – wun­derbar in einer Hand halten. 193 x 137 x 10,3 mm hat das Kindle Fire HD 7 hier zu ver­bu­chen, ebenso stehen 395 Gramm auf der Waage. Ist aber wie ge­sagt alles an­ge­nehm und fühlt sich zwar nach Plastik an, aber kei­nes­falls so billig.

Was finden wir sonst noch so am Kindle? Am Rand finden wir den Power­button und die Laut­spre­cher­tasten, dar­über den Kopf­hö­rer­an­schluss. Unten finden wir einen mi­croUSB und einen Mini-HDMI-Ausgang. Die But­tons hätten meiner Mei­nung nach etwas an­ders ge­löst werden können – finde ich nicht sehr an­ge­nehm zu benutzen.

Das Dis­play

Das IPS-Display hat eine Größe von rund 7 Zoll und bietet eine Auf­lö­sung von 1280 x 800 Pixel, die Pi­xel­dichte be­trägt 216 ppi. So­weit die tech­ni­schen Werte, sind na­tür­lich ob­jektiv. Aber auch sub­jektiv lässt sich dem Dis­play nicht viel ne­ga­tives nach­sagen: Ist eben wirk­lich sauscharf und hell – wer hier Pixel finden sollte, der sucht ver­mut­lich mit einer Lupe. Unter nor­malen Ge­ge­ben­heiten kann ich hier keine Nach­teile ge­gen­über meinem iPhone 5 mit dem Retina-Display fest­stellen. Bei voller Hel­lig­keit lässt sich sogar unter freien Himmel gut ar­beiten – wie es bei di­rekter, praller Sonne aus­sieht kann ich bei dem Wetter leider nicht testen.

Laut­spre­cher

Die Laut­spre­cher des Kindle Fire HD 7 sind ohne wenn und aber brauchbar. Wohl­ge­merkt: brauchbar. Surround-Sound. Lo­gisch, dass die kleinen rück­seitig an­ge­brachten Laut­spre­cher keine Klang­wunder leisten, aber die Bässe sind or­dent­lich, Ge­sang ist klar. De­fi­nitiv die besten Laut­spre­cher in einem Ta­blet – der iPad-Sound klingt gegen die ir­gendwie fad.

Die Ka­mera

Das Fire HD be­sitzt nur eine Front­ka­mera, welche mittig im Por­trait an­ge­bracht ist. Ka­me­raapps sucht man ver­geb­lich – auch im (deut­schen) Amazon App-Shop konnte ich keine finden. Bleibt also nur die Mög­lich­keit via App von Face­book und Co. Aber: Die Ka­mera bietet eben nur 1,2 Me­ga­pixel – be­schränkte Auf­lö­sung eben. Front­ka­mera, mittag, soll also auch nur für Vi­deochat drin sein.

Die In­neren Werte

Im In­neren des Kindle HD 7 wer­kelt ein OMAP Dual-Core mit 1,2 GHz von Texas In­stru­ments, wel­cher von einem Gi­ga­byte RAM un­ter­stützt wird. Ich werde hier keine groß­ar­tigen Bench­mark­werte auf­fahren, denn ich habe das Glück, hier sub­jektiv schreiben zu können. Und hier muss ich sagen: Es könnte schneller sein. Das System läuft zwar, man spürt aber an allen Ecken und Kanten, dass es ein wenig hakt. Merkt man schon am Sperr­bild­schirm, wo die Re­ak­tion etwas ver­zö­gert ist. Auch im Shop merkt man immer wieder leichte Ruckler und Hakler. So flüssig wie iOS oder An­droid ist das Amazon OS (das auf An­droid auf­setzt) de­fi­nitiv nicht – kennt man an­deres, macht das Kindle Fire HD 7 ein­fach keinen rich­tigen Spaß.

An­schlüsse und Konnektivität

Die An­schlüsse sind recht über­schaubar: Kopf­hö­rer­an­schluss seit­lich, unten Mini-HDMI-Out und die ty­pi­sche microUSB-Buchse. Mehr gibt es nicht – sollte für die meisten aber auch aus­rei­chen. Eben­falls mit an Board: Blue­tooth – gibt glaube ich auch kein ak­tu­elles Gerät, wel­ches darauf verzichtet…

WiFi-mäßig ist das Fire HD 7 mit zwei WLAN-Antennen aus­ge­stattet, die laut Amazon für das schnellste WLAN bei einem Ta­blet sorgen sollen. Das Fire HD ist schnell un­ter­wegs – aber ob es das schnellste WLAN ist? Kann ich nicht be­stä­tigen, aber auch nicht er­wi­dern. Schnell ja, schneller als zum Bei­spiel das iPad? Liegt na­tür­lich auch immer am Server und das Ge­döns. Ge­fühlt ist aber der Pro­zessor ein kleiner Fla­schen­hals. Üb­ri­gens: Die An­tennen funken im 2,4 und im 5 GHz Bereich.

Das Kindle Fire OS

Kommen wir zu dem wohl wich­tigstem Punkt: Dem System. Amazon nutzt sein ei­genes System, wel­ches ei­gent­lich nichts an­deres als eine ab­ge­wan­delte, ex­trem an­ge­passte Form von An­droid ist. Aber von be­sagtem Google-System ist rein gar nichts zu sehen – nichts, nada. Nirgendswo.

Statt­dessen be­kommen wir einen schwarzen Ho­me­screen zu Ge­sicht, der sämt­liche Punkte an­bietet: Ein­kaufen, Spiele, Apps, Bü­cher, Musik, Vi­deos, Web, Fotos, Do­ku­mente und eure spe­zi­ellen An­ge­bote. Dar­unter gibt es dann im CoverFlow-Style eure zu­letzt be­nutzen Dinge.

Google Play Store? Fehl­an­zeige. Keine Apps aus dem Play-Store, le­dig­lich den Amazon App-Shop gibt es auf dem Kindle. Damit fehlen eine Reihe an Apps, die für Android-Geräte ei­gent­lich Stan­dard sind. Im Ge­genzug gibt es aber auch fast alle be­kannten Apps und Games wie Angry Birds, Face­book, eBay und Co.

Ich könnte hier noch so viel über das Kindle Fire OS schreiben, aber eines ist si­cher: Das System ist ab­solut easy – selbst im Ver­gleich zu iOS. Alles selbst­er­klä­rend, gibt ja auch nicht viel Aus­wahl. Ihr klickt auf Apps und be­kommt eure Apps an­ge­zeigt – und einen Link zum App-Shop. Ihr klickt auf Bü­cher und be­kommt eure Bü­cher an­ge­zeigt – und einen Link zum Shop. Ihr klickt auf Musik und … ihr könnt es euch denken.

Also mal ehr­lich: Mir macht das Kindle Fire OS keinen Spaß. Ir­gendwie wirkt alles wie eine App – oft­mals habe ich mir ge­dacht „lass mich aus der App raus“. Wer sich bei iOS schon be­vor­mundet fühlt und kri­ti­siert, das ge­schlos­sene System ist zu ge­schlossen, der wird beim Kindle Fire OS wohl Klaus­tro­phobie be­kommen. Es wirkt alles nicht wie ein Tablet-OS, son­dern wie ein großes Schaufenster.

Die per­so­na­li­sierte Wer­bung und An­ge­bote, die man zum Bei­spiel auf dem Sperr­bild­schirm an­ge­zeigt be­kommt, kann man für rund 15€ ent­fernen lassen, ist ja kein Ding. Aber auch ohne das be­kommt man an jeder Ecke An­ge­bote und Shop­ping­kram zu Ge­sicht. Apps. Bü­cher. Musik. Filme. Amazon ver­dient eben nicht mit der Hard­ware, son­dern mit dem Con­tent, von dem sie zu­ge­geben auch in Deutsch­land ei­niges haben. Aber wie ge­sagt: Es ver­geht fast nicht ein Klick, ohne ir­gend­etwas zu Ge­sicht zu be­kommen, was man kaufen könnte. 15€ hin oder her – die Wer­bung nehm ich dann auch noch in Kauf, macht den Braten nicht fett.

Das Kindle Fire HD 7: Ein Reinfall?

Also ist das Fire HD 7 ein Rein­fall? Nein, das ist es ganz si­cher nicht. Es kommt eben drauf an, was ihr damit ma­chen wollt. Und wer. Das System an sich ist ab­solut simpel ge­halten – man sieht auf einen Blick, was man ma­chen kann. Ich will lesen – also klicke ich auf „Bü­cher“. Ich will Musik hören – also klicke ich auf „Musik“. Ab­solut DAU taug­lich – und de­fi­nitiv etwas für die Ge­ne­ra­tion 60+.

Aber: Man muss Amazon lieb haben um das Kindle Fire ge­nießen zu können. An­sonsten wird es schwer an Con­tent zu kommen – und pro­duk­tives Ar­beiten? Könnt ihr mit dem Ta­blet ver­gessen, das Kindle Fire ist ein reines Kon­sum­gerät. Auch wenn ich mich wie­der­hole: Musik. Bü­cher. Filme. Das ganze Ama­zon­an­gebot eben.

Aus dem Grunde muss man eben un­ter­scheiden zwi­schen Kon­su­menten und Geeks. Eure El­tern wollen ein Ta­blet um hier und da mal E-Mails ab­zu­rufen, im Web zu surfen oder sonst etwas zu ma­chen und sind Amazon und di­gi­talen Me­dien nicht ab­ge­neigt? Dann legt ihnen das Kindle Fire ans Herz. Ihr mögt Amazon nicht? Ihr mögt di­gi­tale Me­dien nicht? Ihr mögt kein ge­schlos­senes System? Ihr wollt (etwas) pro­duktiv mit dem Ta­blet ar­beiten? Dann ist das Kinde Fire nichts für euch, sorry.

Trotzdem wette ich mit euch: Die neuen Kindle-Modelle werden ein­schlagen. Trotz mä­ßiger Hard­ware und einem System, wel­ches mir keinen Spaß be­reitet. Die Gründe habe ich im Text schon Mehr­fach ge­nannt: Die po­ten­ti­ellen Käufer, die Ziel­gruppe, in­ter­es­siert sich nicht für Top ak­tu­elle Hard­ware. Und auch nicht dafür, ob sie nun Root­zu­griff hat oder nicht. Die Ziel­gruppe auf die Amazon ab­schießt sind keine Super-User und Ex­perten. Son­dern Kon­su­menten, die Pro­dukte und vir­tu­elle Güter bei Amazon kaufen (wollen). Die Maße möchte eben mit einem Ta­blet Ge­nießen – und hier hat Amazon meiner Mei­nung nach (noch) das brei­teste Spek­trum im An­gebot, in­klu­sive der größten Bekanntheit.

Geschrieben von

Marcelismus. Hobby-Blogger aus dem Rheinland in den besten 20er Jahren. Appletisiert, aber immer mit einem gesunden Blick über den googlefizierten Tellerrand. Fetischist schicker User Interfaces und Fan von Dingen, die oftmals keinen Nutzen haben, die aber blau leuchten können.

AndroidTechnikTestberichteTabletsAmazonKindle

2 Kommentare